Sally hat sich nie besonders für Politik interessiert. Die Gruppierung um Emmeline Pankhurst verfolgt das Dienstmädchen jedoch mit wachsendem Interesse. Schließlich schließt sie sich den Suffragetten an, die für das Frauenwahlrecht kämpfen. Demonstrationen, Schlägereien und Inhaftierungen sind an der Tagesordnung, doch die Regierung nimmt die Frauen nicht ernst. Sally erkennt, dass andere Mittel nötig sind, um etwas zu bewirken. Eine historisch minutiös recherchierte Graphic Novel, die den Leser tief eintauchen lässt in das British Empire vor dem Ersten Weltkrieg.

Anzeige

Dr. Mary M. Talbot ist eine international bekannte Wissenschaftlerin und hat über Themen wie Sprache, Medien, Geschlecht und Macht geforscht und publiziert. Sally Heathcote ist ihre zweite Graphic Novel.
Bryan Talbot zeichnet seit über 30 Jahren Comics (u. a. Judge Dredd, Batman, Sandman). Er wurde mit dem Eisner Award und vielen weiteren Preisen ausgezeichnet.

Comics sind ideal, um Biografien und Memoiren zu erzählen“ Votes for Women / Mary und Bryan Talbot im Gespräch:

1. Mary, wann hast du dich erstmals näher mit der „Votes for Women”-Kampagne befasst?
„Ursprünglich wurde ich durch einen Vortrag über das Merchandising der Women‘s Social and Political Union auf das Thema aufmerksam. Das war vor langer Zeit auf einer Tagung in Southampton, auf der es um Frauen und Konsumkultur ging. Ich bearbeitete danach eine Reihe von Beiträgen für einen Tagungsband dazu, aber leider war dieser Text nicht darunter. Erst viele Jahre später habe ich mich näher mit der „Votes for Women“-Bewegung  beschäftigt. Nachdem ich 2010 mit dem Script für meinen ersten Comic „Dotter of her Father‘s Eyes” fertig geworden war, habe ich sofort damit angefangen, nach einem neuen, tiefgreifenden Thema zu suchen. Mir fiel auf, wie wenig ich über den Feminismus des späten Viktorianisch-Edwardianischen Zeitalters wusste, und ich begann, mehr darüber zu lesen.“

2. Wann und warum hast du dich dann entschieden, darüber einen Comic zu machen?
„Das war für mich von Anfang an klar. Comics sind ein exzellentes Medium, um komplexe Stoffe leicht zugänglich zu vermitteln. Ich wollte über dieses Thema schreiben, weil Menschen nun mal vergessen und Geschichten wieder neu erzählt werden müssen. Wir brauchen Erinnerungen daran, was in der Vergangenheit erreicht wurde und wie fragil diese Errungenschaften sind. Die Menschen in Großbritannien sind auf deprimierende Art von der Politik entfremdet und zynisch, besonders die jüngeren.“

3. Deine Hauptfigur, das Dienstmädchen Sally Heathcote, ist eine fiktionale Figur. Warum hast du dich dafür entschieden, eine Protagonistin zu erfinden, anstatt eine der vielen real existierenden Aktivistinnen zu verwenden, die im Buch auftauchen?
„Mit einer fiktionalen Figur hatte ich mehr Freiheiten, um den geschichtlichen Hintergrund zu erforschen, als wenn ich mich auf eine historische Person und deren Biografie beschränkt hätte. Das machte es auch leichter, eine packende, fokussierte Geschichte zu erzählen. Ich musste schließlich die Edwardianische Frauenbewegung in ihrer ganzen Vielfalt darstellen.
Und die hatte es in sich! Der Kampf um Gleichberechtigung verlief quer durch alle sozialen Klassen und über politische Grenzen hinweg – es war nicht nur Sache der Mittelklasse. Ich wollte dieses Ausmaß widerspiegeln. Ich wollte außerdem deutlich machen, warum diese Rechte so dringend nötig waren. Und da kommt Sally ins Spiel, eine fiktive Figur aus der Unterschicht. Anfangs ist sie noch Beobachterin, wird dann aber in den Strudel der historischen Ereignisse hineingesogen. Wir erleben ihre Arbeitsbedingungen und die Misshandlungen, denen sie ausgesetzt ist. Wir sind ganz nah an ihrem Kampf ums Überleben dran.“

4. Nicht alle Aktivistinnen im Buch erscheinen als reine Heldinnen: Du stellst Emmeline Pankhurst, die Gründerin der Women‘s Social and Political Union (WSPU) und wahrscheinlich bekannteste Persönlichkeit der britischen Suffragetten-Bewegung, als zwiespältige und teils sogar antagonistische Figur dar. Ich nehme an, das basiert auf deinen Recherchen und dient nicht nur dramatischen Zwecken?
„Als ich mich näher mit dem Thema befasste, änderte sich meine ursprüngliche Meinung zu Emmeline Pankhurst stark. Sie war eine unglaubliche Person, aber es war schockierend herauszufinden, wie skrupellos sie wurde. Ich war selbst recht überrascht darüber, wie meine Sympathie weg von ihr und zu den weniger bekannten Persönlichkeiten wanderte, über die ich nun mehr erfuhr. Ich wollte thematisieren, wie mies sie mit Fred und Emmeline Pethick-Lawrence umgegangen war. Die beiden waren das finanzielle und organisatorische Rückgrat der Women‘s Social and Political Union. Die Geschichte beginnt daher mit einem einschneidenden Ereignis 1912, als Mrs Pankhurst die beiden aus der Organisation wirft. Das war ein großer Bruch in der WSPU-Führung. Sally gerät an eine radikale Gruppe namens Young Hot Bloods. Ich war überrascht zu lesen, dass die „Votes for Women”-Bewegung auch eine militante Fraktion hatte, die Kunstwerke zerstörte, Schaufensterscheiben einwarf und sogar leerstehende Häuser von Politikern in die Luft sprengte.“

5. Half das der Bewegung, Presse zu bekommen und Druck auf die Regierung auszuüben? Oder schadete es ihrer Sache eher?
„Ich glaube, die Eskalation der Gewalt kostete sie letztendlich die öffentliche Unterstützung, die sie bereits gewonnen hatten. Anfangs verschaffte es ihnen noch die dringend nötige Aufmerksamkeit, aber ich stimme mit Emmeline Pethick-Lawrence darin überein, dass die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die am Ende herrschten, ein taktisches Desaster waren. Ich war auch geschockt vom Maß der Gewalt, welche die Regierung gegen die Aktivistinnen einsetzte: Die Polizisten, die gezielt ganze Gruppen von Demonstrantinnen zusammenschlugen, und die grausame Zwangsernährung der eingesperrten Aktivistinnen.“

6. Aber nach Lektüre eures Buchs hat man das Gefühl, dass dies die Bewegung eher stärkte, als sie zu demoralisieren – ist das richtig?
„Ich finde, dass es sie radikalisierte. Gewalt erzeugt immer Gewalt. Das birgt meiner Meinung nach auch heute noch eine wichtige Resonanz für uns.“

7. Die ausführlichen Anmerkungen und aufgelisteten Quellen zeugen von deiner intensiven Recherche für die Geschichte. Wie lange hast du insgesamt am Buch gearbeitet?
„Ich begann mit meinen Nachforschungen im September 2010. Das komplette Skript hatte ich ungefähr im Mai 2012 vorliegen. Während Bryan und Kate dann an der zeichnerischen Umsetzung arbeiteten, stellte ich die Anmerkungen zusammen und suchte visuelles Referenzmaterial und so weiter.“

8. Hast du Feedback von jüngeren Leserinnen bekommen? Hattest du die Chance, das Buch mit jungen Leuten zu diskutieren?
„Wir haben eine ganze Menge begeisterte Rückmeldungen von jungen Frauen und Mädchen bekommen. Auch von Rotschöpfen! (Die Hauptfigur Sally Heathcote ist rothaarig, Anm. d. Red.) Sie waren meist sehr angetan davon, wie die Graphic Novel so viele historische Details auf solch gut lesbare und zugängliche Art präsentiert, und das mit einer starken Protagonistin, mit der sie sich identifizieren können.“

9. Wie ist deine Meinung zum gegenwärtigen Stand der Gleichberechtigung in Großbritannien? Was sind momentan die größten Herausforderungen?
„Die momentan größte Herausforderung ist wohl die Sparpolitik der Regierung. Es gab gewaltige Kürzungen in den kommunalen Haushalten, und diese treffen Frauen besonders schwer. Berufstätige Frauen sind am stärksten betroffen, weil die Kürzungen unverhältnismäßig stark den öffentlichen Bereich, TeilzeitarbeiterInnen und die untersten Einkommensklassen betreffen. Außerdem sind die Statistiken zu männlicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen erschreckend. Es hilft also überhaupt nicht, wenn Hilfseinrichtungen für die Opfer dieser Gewalt im Zuge der Sparmaßnahmen zusammengestrichen werden.“

10. Frauen besetzen weniger als ein Drittel der einflussreichsten Führungspositionen in Wirtschaft und Politik in Großbritannien. Denkst du, das wird sich in absehbarer Zukunft von selbst ändern? Oder ist eine gesetzliche Quote für Frauen nötig, wie sie in Deutschland immerhin teilweise eingeführt wurde?
„Es ist gut zu hören, dass Deutschland entschieden hat, Quoten einzuführen. Großbritannien sollte das genauso machen.“

11. Welche politischen und sozialen Bewegungen in Großbritannien oder Europa sind deiner Meinung nach aktuell am wichtigsten?
„Da sind so viele! Auf jeden Fall müssen wir unbedingt TTIP stoppen.“

12. Im Comicgeschäft bist du eine Spätzünderin. Ich vermute, dass die Ehe mit einem Comickünstler dich inspiriert hat, Graphic Novels über Themen zu schreiben, die dir am Herzen liegen. Was magst du am Comicmedium? Warum hast du dich dafür entschieden anstatt für Romane?
„Ich liebe die Möglichkeiten des Mediums. Es macht mir Spaß, zu schreiben und dabei die zusätzliche visuelle Dimension im Kopf zu haben. Die Kombination von Worten und Bildern ist hervorragend, um Ideen und Gefühle in Verbindung miteinander zu kommunizieren. Comics sind ein ideales Format, um Biografien und Memoiren zu erzählen. Sie sind auch ein großartiges Medium, um umfangreiche historische und politische  Einzelheiten auf eine mitreißende Art zu präsentieren. Und genau das war das Ziel mit Sally Heathcote Suffragette.“

Details zum Buch

Autor: Mary Talbot, Kate Charlesworth, Bryan Talbot
ISBN: 978-3-7704-5527-0
Preis: € 24,99
Seitenzahl: 192
Farbigkeit: vierfarbig
Buchform: gebunden
Erscheint am: 03.12.2015

Anzeige